Seymour

    Mit : Erica Baum, Lenka Clayton, Julien Crépieux, Moyra Davey, Joseph Grigely, Chitti Kasemkitvatana, Gareth Long, Benoît Maire, Benoît-Marie Moriceau, Antoinette Ohannessian, Bruno Persat, William Wegman und die Band Holden

     

    Bevor wir uns also diesen anderen anschließen, sage ich Ihnen, alter Freund (…), nehmen Sie diesen bescheidenen Strauß sehr früh blühender Parenthesen an: (((()))).

    J.D. Salinger, Seymour, eine Einführung, 1959[1]

     

    Seymour ist der älteste Sohn der Familie Glass. Seine sechs Brüder und Schwestern heißen Buddy, Boo Boo, Walt, Waker, Zooey und Franny; seine Eltern Bessie und Les. Der amerikanische Schriftsteller J. D. Salinger (1919 – 2010) erzählt die Geschichte der Familie Glass in sechs Short Storys, die zwischen 1948 und 1956 größtenteils in der Zeitschrift The New Yorker erschienen. Ihr erzählerischer Clou liegt darin, dass Seymour – obgleich Hauptfigur der Geschichte – nur indirekt über bruchstückhafte und antichronologische Andeutungen in den Briefen und Berichten seiner Brüder und Schwestern in Erscheinung tritt.  So erfährt der Leser gleich zu Anfang, dass sich Seymour im Alter von einunddreißig Jahren bei einem Urlaub mit seiner Frau das Leben nahm, während Salingers letzte zu Lebzeiten (1965) veröffentlichte Erzählung in Form eines langen Briefes aus der Feder des siebenjährigen Seymour verfasst ist.

    Seymour ist eine rätselhafte Figur, die weder in sein Umfeld noch in seine Zeit zu passen scheint. Seine Brüder und Schwestern bezeichnen ihn als „unser blau gestreiftes Einhorn, unser doppellinsiges Brennglas, unser Beratergenie, unser transportables Gewissen“; andere nennen ihn „Mystiker“ und „unausgeglichener Typus“. In der Nacht vor seiner Hochzeit erklärt er seiner Verlobten „dass er zu glücklich ist, um zu heiraten, und dass sie die Hochzeit verschieben soll, bis er wieder stabiler ist, weil er sonst nicht kommen kann.“ 

    So verkörpert Seymour den romantischen Antihelden zwischen Träumerei und Verzweiflung, der auf seiner Suche nach Glück, Schönheit und Spiritualität                                                                              in seinem oberflächlichen Umfeld nicht fündig wird. Ungeziert spricht Salinger in seinen Geschichten über so delikate Themen wie Pubertät, den ernüchternden Verlust der kindlichen Unschuld und, über ein diffuses Unbehagen hinaus, über das Bedürfnis nach Absolutheit, das in der neuen Konsumgesellschaft des Nachkriegs-New York existenziell geworden ist. Das persönliche Interesse des Schriftstellers für Zen-Buddhismus kommt auch in der Figur des Seymour zum Ausdruck, der einem orientalischen Mystizismus anhängt und chinesische und japanische Dichtung liest.

    Die Gemeinschaftsausstellung Seymour, die zusammen mit dem Künstler Bruno Persat konzipiert wurde, dreht sich um diese ambivalente Figur mit „Heinz-gleicher Vielfalt persönlicher Eigenschaften“. Die gezeigten Werke greifen die Themen und Erzählstrukturen der Familiensaga auf, darunter das Geheimnis des Glücks, Melancholie, Spleen und Ideal, Poesie und Spiel, Briefwechsel und den verzweifelten Zauber des Alltags.

    An einem Tom Collins schlürfend entdeckt der Besucher hier Erinnerungen an einen buddhistischen Tempel in den nördlichen Bergen Thailands (Chitti Kasemkitvatana), Hunde bei polizeilichen Ermittlungen zwischen zwei Tennisspielen (William Wegman), bruchstückhafte Bilder eines alten Briefwechsels (Moyra Davey), einen alphabetisch geordneten Kassenbon (Lenka Clayton), Bambuspflanzen und Pfützen mit 500 Millilitern Wasser auf ihrem Weg zum Fluss (Antoinette Ohannessian), Gedichte auf Büchereiausweisen (Erica Baum), die Vereinigung von Herrschaft und Zufall in einem einzigen Bild (Benoît Maire), Fetzen von Alltagsgesprächen auf Wänden (Joseph Grigely), einen mathematischen Zengarten (Bruno Persat), einen Sonnenuntergang für den Heimgebrauch (Benoît-Marie Moriceau), Salzkristalleinschlüsse von Wolken aus dem 19. Jahrhundert (Julien Crépieux), einen Soundtrack zur geometrischen Metaphysik (Holden) und und das facettenreiche Porträt eines Seymour-Bruders (Gareth Long).


    [1] Übersetzung von Eike Schönfeld, Kiepenheuer & Witsch 2012