Melodie: immer die Kunst anderer

    Der Ausstellungstitel ist ein Zitat aus dem Karteikartenarchiv Ursula Bogners, in dem sie Gedanken zu so unterschiedlichen Themen wie Ehe, Orgonenergie, Musik, Kurzwellenstrahlung oder Superzivilisationen notierte. Die in der Pharmaindustrie beschäftigte Wissenschaftlerin äußert sich in diesen akribisch mit Schreibmaschine getippten Kurztexten in einer spröden Poesie und stellt dabei so essentielle Fragen wie: Kann man die Nacht abschaffen? Dass sie als Musikerin – denn als solche darf man sie seit ihrer spektakulären posthumen Entdeckung durch den Berliner Musikproduzenten Jan Jelinek ganz sicher bezeichnen, die Melodie so weit von sich- und anderen zuweist, ist allerdings eher erstaunlich, zumal in den auf Jelineks Label faitiche herausgegebenen Stücken das Melodiöse durchaus eine Rolle spielt.1 Was uns heute von Bogner präsentiert wird – neben ihrer Musik sind es Zeichnungen, auf denen wissenschaftliche Schaubilder mit Textkommentaren versehen sind, Bilder aus ihrem Fotoalbum sowie die eingangs erwähnten Kurztexte in einem Karteikartenarchiv – ist gefiltert und beeinflusst durch die Auswahl Jelineks. Nach langjähriger Beschäftigung mit ihren Arbeiten versuchte er erstmals eine Rekonstruktion einer Diainstallation: fünf Dias mit den Motiven» Supergranulationszellen, Lichtbogen Sonnenfinsternis 1980, Entdeckungsaufnahme Komet Halley, Magnetfeld, Aurora am Jupiterrand« wurden dafür mit fünf Diaprojektoren in variierender Lichtintensität übereinander geblendet. In der Ausstellung dokumentiert ein Plakat mit Filmstills diese Installation, für die es nur Timecode-Notizen, doch keine präzisen Angaben für die Überblendungen gibt.
    Die Werke aus dem Nachlass geben insgesamt nur wenig Aufschluss über die Gewichtung der einzelnen Elemente in ihrem Oeuvre. So ist auch diese Ausstellung, mit der am Eröffnungsabend stattfindenden Performance »Schleusen« nach einer Bognerschen Partitur, lediglich der Versuch einer Interpretation der Werke dieser außergewöhnlichen Künstlerin.

    Nick Laessing, dessen Arbeiten im Erdgeschoß des CEAAC gezeigt werden, interessiert sich wie Jan Jelinek für abseitige Phänomene in der Musikgeschichte, allerdings mit einem Zeitsprung von etwa hundert Jahren. Auch hier ist die Melodie »die Kunst anderer«, denn Laessings Arbeiten sind Rekonstruktionen oder vielmehr Reinterpretationen von Objekten, die im 19. Jahrhundert zur Visualisierung von Tönen und Harmonien entwickelt wurden:

    Die im Eingangsbereich aufgestellten Eidophone können einerseits als Skulpturen, andererseits als Geräte betrachtet werden. Erst bei der Performance Voice Figures am 19. März werden sie durch eine klassisch ausgebildete Sängerin aktiviert, die mittels ihrer Stimme organische Formen auf der Latexmembran der Eidophone entstehen läßt.

    Elective Affinities, eine Installation die Stimmgabeln und Laserstrahlen kombiniert, erinnert aufgrund der Geräte, die für ihre Konstruktion verwendet wurden, an einen Versuchsaufbau in einem modernen Messlabor. Bei perfekter Harmonie der beiden vertikal und horizontal ausgerichteten Stimmgabeln wird ein kreisrunder Laserstrahl auf die Wand projiziert.

    Im großen Ausstellungsraum hat Laessing die Arbeit Spatial Harmonics genau in die Architektur des Raumes eingepasst. Zu den Öffnungszeiten der Ausstellung wird die Zeichenmaschine immer um 14h gestartet und innerhalb von 4 Stunden entsteht eine Zeichnung, die am Ende des Tages an der Wand angebracht wird. Während der Laufzeit der Ausstellung wird also ein zeitliches und auch räumliches Protokoll variierender elliptischer Zeichnungen generiert, wobei der Harmonograph, ähnlich wie ein Seismograph, Bewegungen im Ausstellungsraum, etwa durch Erschütterungen des Bodens, registriert.

    Die von Nick Laessing präsentierten Arbeiten zeigen drei verschiedene Techniken zur Visualisierung von Sound: die Darstellung von Schallwellen mittels Kollodiumpulver oder Aquarellpaste, die einer perfekten Harmonie zweier Stimmgabeln durch einen Laserstrahl und schließlich die Aufzeichnung einer musikalischen Harmonie über die Pendelbewegungen des Harmonographen. Ihnen gemein ist, dass es keinen direkten Kontakt des Künstlers mit dem jeweiligen Medium gibt. Er schafft mit der Konstruktion der Apparate lediglich die Bedingungen für die Entstehung der Werke.

    Bogner zeichnet aus wissenschaftlichen Publikationen ab und fotografiert Abbildungen aus Büchern, Laessing rekonstruiert und »läßt zeichnen«. Autorenschaft, Aneignung und künstlerische Interpretation wissenschaftlicher oder pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse sind damit zentrale Themen der gesamten Ausstellung.
    »Auf die unmittelbare Klangvorstellung kann man sich nicht mehr verlassen.« (U.B.)
    1) Ursula Bogner: Recordings 1968 — 1988, faitiche 01, 2008.