Exposition Centre d'art

Liquidation-tischwelten 2

    Wenn man sich mit einem Territorium beschäftigt, stöβt man auf Hinweise aus unterschiedlichsten Bereichen. Geografische, historische, wirtschaftliche und kulturelle Informationen k.nnen irgendwann ein Bild ergeben, das zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem bestimmten Ort nach subjektiven Kriterien gezeichnet wird. Die Gleichzeitigkeit der Informationen und ihre brüchigen, weichen Ränder wahrzunehmen und in eine Form und Folge zu bringen, ist Merkmal und Qualität der Arbeiten von Manfred Pernice. Das Geflecht, oder noch besser in seinen Worten ‘der Brei’ (liquidation) aus dem, was der Künstler schon mitbringt (Wissen, Gesehenes und Gesammeltes) und was andererseits durch Einladung und Begegnung den Raum erweitert und zu einer Ausstellung mit neuen Motiven werden kann, ist dabei durchgängige künstlerische Praxis. Zusammenhängendes und Unvermitteltes wird zu einem heterogenen Aus- und Überblick organisiert, der auch als realistischer Blick auf ‘etwas’ gelesen werden kann.

    Für liquidation-tischwelten1[1]  werden Kristallglas- und Keramikobjekte, kombiniert mit anderen Sachen und Fundstücken, wie in einem Warenhaus auf Displaytischen präsentiert. Alles muss raus! Das Gebäude des CEAAC (Centre Européen d‘Action Artistiques Contemporaines) in Straβburg beherbergte um 1900 .das gröβte Glas- und Porzellanwarengeschäft in Elsa.-Lothringen.[2] Im Elsass und in der Groβregion  gab es schon im 19. Jahrhundert eine Vielzahl an Manufakturen für Glas, Keramik und Porzellan, in deren Produkten sich Hinweise kultureller und politischer Entwicklungen finden, sei es das Tafelservice aus Badonviller, das in den 1950er Jahren über die saarländische Grenze geschmuggelt wurde, neueste Entwürfe aus Baccarat-Kristall oder wieder aufgelegte Keramikschalen aus der ehemaligen Manufaktur von Lunéville.

    In Manfred Pernices Installationen finden sich immer wieder Gefäβe verschiedener Provenienz. Wie diese gezeigt (und dadurch aufgewertet oder banalisiert) werden, ist dabei ebenso signifikant wie ihre Herkunft: Keramik aus Strehla/Elbe hatte in der DDR einen stabilen Markt, die Produktion musste jedoch 1997 eingestellt werden, nachdem auch die Herstellung preiswerter Fayencen nicht mehr rentabel war.

    Der Tisch mit Porzellan aus Kahla/Thüringen3[3]  ist Teil einer weitläufig alltagshistorisch angelegten Beschäftigung, die mit der Absicht, jedem Stück eine lokale oder überregionale Begebenheit zuzuordnen, hier zun.chst nur eine Ver.stelung oder Erz.hlstruktur vorstellt. Bei Gebrauchsporzellan und – keramik handelt es sich immer um Gefäβe, denen als Grundanlage ein Verh.ltnis mit dem ‘echten’ Leben unterstellt wird, die mit Geschichte(n) wieder aufgefüllt werden können.

     


    [1] Zitat aus einer Anzeige der ‘Hoflieferanten Neunreiter & Sohn’, Straβburg, um 1900.

    [2] Zur Groβregion z.hlen Lothringen, Luxemburg, Wallonien, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

    [3] Teil der AVA, 1. Allgemeine Verkstattausstellung im Berliner Schinkelpavillon, 2008.