Exposition Centre d'art

I learn by osmosis

    “Male einen Tonblock und füge etwas hinzu” – diese selbst gewählte Spielregel wurde der Ausgangspunkt für eine Reihe von neuen Arbeiten, die Ivan Seal vor etwa einem Jahr begonnen hat. Es sind Malereien, die Skulpturen darstellen, oder zumindest Anfänge von Skulpturen. Das Material ist da: Tonblöcke in verschiedenen Gröβen und Formaten stehen auf Sockeln, manche allerdings in prek.rem Gleichgewicht, gerade noch eben gehalten von einer Schnur. In einigen stecken Streichh.lzer, N.gel oder Zigarettenkippen. Ein Block wird scheinbar von drei Schnüren zerteilt, doch folgt man dem Verlauf dieser Schnüre, wird schnell deutlich, dass sie auf halbem Wege steckengeblieben und in höchst unwahrscheinlichen Positionen arretiert sind.

    So bodenständig und handfest dieses vermeintliche Bildhauermaterial zunächst daherkommt, so absurd wird seine Präsenz beim genaueren Betrachten der Oberflächen und Details. Die hellen Blöcke und Sockel sind in kaltes, neonartiges Licht getaucht und zeichnen sich vor unbestimmten, schwarzen Hintergründen ab. Die Szenerien haben trotz der Banalität der Materialien eine extreme Künstlichkeit. Dabei erscheinen die Tonblöcke wie eine formbare Urmasse, aus der alles Mögliche entstehen kann, wie etwa murmelartige Kugeln oder organische Rohrformen. Durch malerische Trompe-l’oeil-Effekte wie Schlagschatten und modulierte Volumen wird diesen einerseits eine materielle Präsenz gegeben, andererseits bleibt die Ambivalenz aufrechterhalten, dass es sich hier lediglich um Malerei, um Farbe und Pinselstriche handelt.

    Für die Hängung im CEAAC wurde zunächst eine Auswahl an Bildern getroffen, zu denen Ivan Seal dann Pendants malte, indem er verschiedene Aspekte der ersten Bilder aufgriff und variierte. Eine Soundarbeit mit vom Künstler gesprochenen assoziativen Begriffen (“es sieht aus wie ein Turm”, “auf dem Sockel, auf dem Boden”, “ein Stillleben”, “Gesicht aus Streichhölzern”, “hier ist jetzt dort”, …) aus denen per Computer ein endloses Gedicht generiert wird, ergänzt die Installation. Die Sprache wird als Material hier genauso moduliert wie die Variationen von Objekten in der Malerei. Mehrere Stufen der Distanzierung vom malerischen Gestus werden dabei vollzogen: zu Beginn die Spielregel, dann die Auswahl der Arbeiten gemeinsam mit der Kuratorin, das Malen der Pendants, die zu den Bildern gefundenen sprachlichen Assoziationen und schlieβlich der Computer, der die Begriffe willkürlich mischt und daraus für den Betrachter wieder neue Verbindungen entstehen lässt.

    I learn by osmosis (Ich lerne durch Osmose), der Titel der Ausstellung und ein Zitat aus einem Roman von Franz Werfel (1), bringt diesen Prozess sehr gut auf den Punkt.

     

    1. Franz Werfel, Stern der Ungeborenen. Ein Reiseroman. (1946).