Ernesto

    David Douard, Danièle Huillet und Jean-Marie Straub, Ana Jotta, Guillaume Leblon, Benoît Maire, Nicolás Paris, Dominique Petitgand

    Dass die Erkenntnis auch der Wind sei, jener,
    der sich über die Autobahn stürzt
    ebenso wie jener, der den Geist durchwehe.


    Marguerite Duras, Sommerregen
    Übersetzung: Andrea Spingler
    Suhrkamp 1991

    Ernesto ist die Hauptfigur des Romans „Sommerregen“ von Marguerite Duras.

    Ernesto ist ein altersloses Kind, das nicht mehr zur Schule gehen will, weil man ihm dort „Dinge beibringt, die er nicht weiß“.

    Marguerite Duras meinte: „Ernesto sagt gewisserweise, man bringt mir Wissen bei, aber keine Kenntnisse. Oder man bringt mir Dinge bei, die ich gar nicht wissen will. Anders gesagt: man lässt mich nicht lernen, nicht zu lernen, mich meiner selbst zu bedienen.“

    Marguerite Duras hat die Figur des Ernesto in vielen Werken und in unterschiedlichsten Medien immer wieder aufgegriffen, hat immer wieder seine Grenzen und damit auch die der jeweiligen Genres hinterfragt.

    In Ah! Ernesto, einem Kindermärchen von 1971 mit Illustrationen von Bernard Bonhomme, ist Ernesto vielschichtig, flüchtig und paradox.

    In dem Film Die Kinder (1985) wird er von Axel Bogousslavsky gespielt, ist sieben Jahre alt und wirkt wie vierzig.

    In „Sommerregen“ (1990) ist Ernesto der älteste der „brothers“ und „sisters“ einer Einwandererfamilie in dem Pariser Vorort Vitry-sur-Seine, dem „unliterarischsten Ort, den man sich vorstellen kann.“ 

    Ernesto wurde in Film und Theater immer wieder inszeniert, adaptiert, illustriert, verkörpert und verwandelt. Zusammenfassen lässt er sich nicht. Ernesto ist Material, ist Quelle für Erfindungen, ist Gebrauch, ist Wolke.

    In einem Kurzfilm der Filmemacher Straub und Huillet von 1982 ist Ernesto ein Insekt.

    Ernesto ist ein Garten ist ein Baum ist an der Straßenecke der Rue Berlioz in Vitry. Ernesto ist ein Bild dieses künstlichen Baumes, dessen Wipfel der Wind nie mehr schütteln wird (Guillaume Leblon).

    Ernesto ist eine Leinwand, auf die man nur Erinnerungen wirft, an einen Frühlingsregen, oder an das Glück der Traurigen (Ana Jotta).

    Ernesto ist eine Übersetzung, eine Übertragung von einem Medium zum anderen, von einer Disziplin zur anderen, ein Prisma, ein Loch in einer philosophischen Enzyklopädie. (Benoît Maire).

    Ernesto ist ein abwesender Körper, von dem nichts übrig ist als ein Paar Schuhe, auf dem Blumen wachsen. (David Douard).

    Ernesto ist kein Subjekt, aber noch weniger eine Demonstration. Ernesto ist eine Stimme. Ein Schweigen. Ein Satz, dessen Bedeutung man nicht mehr erkennen kann. (Dominique Petitgand).

    Ernesto ist 150 Variationen einer Schneeflocke aus Papier, ist ein Samenkorn, das die See in eine Flasche zwingt, ist ein Hocker, der seine Funktion vergessen will. (Nicolás Paris).

    Ernesto ist das Gerippe einer verlassenen Autobahn, das Haschen nach Wind, ist Eitelkeit der Eitelkeiten, das Nicht-mehr-Denken an Gott in einer verfehlten Welt, ist eine vollkommene Liebe, das Zurückweisen von Normen und Institutionen, Wissen durch Intuition.

    Ernesto, „es hat sich nicht gelohnt.“

    „Und siehe da: Ich habe verstanden, dass alles eitel ist. Eitelkeit der Eitelkeiten. Und Haschen nach Wind.“

     

    Curators : Elodie Royer & Yoann Gourmel